Book beautiful

Émile Zolas »Meine Reise nach Rom«

Émile Zola: Meine Reise nach Rom. Aus dem Französischen von Helmut Moysich.

Émile Zola: Meine Reise nach Rom. Aus dem Französischen von Helmut Moysich. 2. Auflage. Mainz: Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung 2015

Was ist Schönheit? Was ist ein schönes Buch und was ist eines der 25 schönsten deutschen Bücher? Alfred W. Pollard vertritt die Theorie von der Schönheit als dem vollkommenen Zusammenspiel der einzelnen Teile: »The only good qualities which a book can possess in its own right are those of strength and beauty of form. […] Type, paper, ink, presswork, the arrangement of the page, and also […] the illustrations, are all part and parcel of the book itself, and may be combined, at least so bookmen believe, in a really beautiful unity.« [Alfred W. Pollard: Fine Books. Methuen & Co, London 1912]

Als Buchgestalter freue ich mich, dass Émile Zolas Meine Reise nach Rom [Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, Mainz 2014. 2. Aufl. 2015. Gestaltung: de Jong Typografie, Essen] von einer unabhängigen Jury unter die 25 schönsten deutschen Bücher des Jahres gewählt worden ist. Nun ist eines der schönsten Bücher nicht unbedingt auch ein schönes Buch. Wer (wie ich) viel Zeit in Buchhandlungen verbringt, der wird das bestätigen können: Zwischen all den banalen Büchern kann das weniger beliebige Buch leicht einmal für schön gelten. Das schöne Buch ist also ein weniger beliebiges Buch!

Was macht also Meine Reise nach Rom zu einem weniger beliebigen Buch? Es ist ein Handschmeichler im Westentaschenformat mit griffigem Leineneinband. Es ist ein Buch mit betonter Körperlichkeit: Der rote Textilband mit dem umlaufenden gelben Farbschnitt betont die Körperlichkeit; rot-gelb gestreiftes Kopfband und ein gelbes Lesebändchen ergänzen die stimmige Materialität. Und wahre Schönheit ist ohne einen winzigen frivolen Einschlag undenkbar. Die Kombination von klassischem Autor (ich meine: kein geringerer als Émile Zola!) und einem, ja, etwas kitschigen, Postkartenmotiv … das hat dann eine gewisse Größe, oder?

Leben, leiden, kämpfen

Auch im Buchblock haben wir uns bemüht um »strength and beauty of form«, eine zwingende Auswahl und Anordnung aller Teile: Der Text von Zola war gegeben. Als Zugabe kamen dann Originalfotografien von Rom aus der Zeit Zolas. Historische Stadtpläne aus den Jahren vor und nach dem im Text beschriebenen Stadtumbau haben wir antiquarisch gesucht und gefunden und auf verführerische Weise zusammengebracht: Der Leser kann Zolas Wanderungen durch Rom mit dem Finger auf der Karte nachvollziehen. Als Satzschrift kommt die Amalia [Nicola Djurek, Ourtype-Typefoundry] zum Einsatz: Eine ganz starke und sehr gegenwärtige Interpretation der klassizistischen Antiqua. Leider weiss ich nicht genau, wie ich meine Vorstellungen von Buchgestaltung vermitteln soll. Zolas Ratschläge an die Stipendiaten der Villa Medici, die er während seines Aufenthaltes besucht, scheinen mir ein guter Anfang zu sein: »Ich habe diesen jungen Leuten gesagt, dass sie viel arbeiten und nicht zu ungeduldig sein sollen. Dass es vor dem schöpferischen Tun erst einmal zu leben gelte, zu leiden, zu kämpfen. Und dass die zu rasch erreichten Erfolge schlecht seien. Sie schienen mich nicht zu verstehen und ertrugen nur schwer, was ich sagte.« Und ausgerechnet heute lese ich in der Süddeutschen Zeitung [»Da ist der Wurm drin«, S. 3, Samstag, 31. Oktober / Sonntag 1. November 2015] über einen Mann, dessen selbstgewählte Grabsteininschrift lautet: »Es hat sich nicht gelohnt«. Ein vorzeitiger Tod, ein Leben ohne (die richtigen) Bücher, so will es scheinen.

Die unsterbliche Prosa Zolas in der herrlich lesbaren Übersetzung von Helmut Moysich und eine immerhin weniger beliebige Buchgestaltung – doch was ist echte Schönheit? Zola findet sie in den Skulpturen der Renaissance in Rom: »Es ist der herrliche Triumph des Fleisches, die großartige Entfaltung des Lebens, es ist die ganze Venus, und es ist Pan, und es ist der allmächtige Jupiter. Lauthals schreit die Nacktheit hier die Allmacht der Natur hinaus, die ewige Materie.«
Ein Beitrag von Ralf de Jong
vom 31. Oktober 2015

Review der Stiftung Buchkunst