Das schöne
eBook

Die digitale Ästhetik des eBooks

Buchgestalten im Exil - iPad-App

»Buchgestalten im Exil« – Die digitale Version für das iPad. Umsetzung gelungen?

»Muß man eigentlich noch etwas gegen E-Books sagen? Müssen sie einem nicht womöglich leid tun, die albernen Dateien, die gern Bücher wären, es aber niemals sein dürfen? Ja, das muß man, und nein, das müssen sie nicht, sie sind ein Unfug, ein Beschiß und ein Niedergang«, schreibt Friedrich Forssman polemisch im Februar 2014 im Logbuch Suhrkamp und trifft damit den Nerv des viel und kontrovers diskutierten Themas digitales Lesen. Im Mittelpunkt der Diskussionen und meiner Abschlussarbeit stand: das eBook.

Doch was für eine Qualität hat die digitale Aufbereitung von gedruckten Texten? Ist die Adaption sowohl in inhaltlicher als auch gestalterischer Hinsicht adäquat? Welche Notwendigkeiten und Möglichkeiten gehen mit der Aufbereitung digitaler Texte im Vergleich zu gedruckten Texten einher? Welche Aspekte müssen bei der Umsetzung, Konzeption und Gestaltung eines digitalen Buches beachtet werden? Diesen Fragen ging ich bei der Umsetzung von »Buch-Gestalten im Exil« als eBook nach.

Gestaltungsansätze für eBooks

Der Gestaltungsprozess zielte dabei nicht auf eine 1-zu-1-Umsetzung der Vorlage ab, sondern mein Ziel war es, eine Gestaltung zu finden, die dem Inhalt in digitaler Form gerecht wird und dem Leser neue und sinnvolle Möglichkeiten im Umgang mit demselben eröffnet. Meine Arbeit ist nicht als Konkurrenz zu dem gedruckten Buch angelegt, die jenes besser oder schlechter macht, sondern als eine Art zweiter Blick auf das Thema. Dieser Zugang soll dem Leser, insbesondere durch eine eigenständige Ästhetik, ermöglicht werden und zudem zusätzliche Inhalte – auch dem Kenner des Druckwerkes – einen Mehrwert bieten.

Das Buch »Buch-Gestalten im Exil« entstand 2011 im Rahmen eines Kurses bei Prof. Ralf de Jong an der Folkwang UdK.

Das Buch »Buch-Gestalten im Exil« entstand 2011 im Rahmen eines Kurses bei Prof. Ralf de Jong an der Folkwang UdK. Die Gestaltung des Buches oblag Pia Kintrup und Ralf de Jong.

Das Original und Vorlage

»Buch-Gestalten im Exil« [Timothy Sodmann, Konrad Merz, Helmut Salden, Ralf de Jong. Achterland Verlagscompagnie: Bocholt (D) und Bredevoort (NL): 2011] thematisiert das Leben und Werk des Buchgestalters Helmut Salden und seine Odyssee als Wehrmachtsgefangener durch zehn verschiedene Gefängnisse und Konzentrationslager in den Jahren 1942 bis 1945. Helmut Salden überlebte die Gefangenschaft. Während er in den Niederlanden zu einem der führenden typografischen Gestalter seiner Zeit wurde, geriet er in Deutschland in Vergessenheit.

Ohne das Buch aufzuschlagen, bemerkt der Leser bereits eine Besonderheit. Das Buch hat sowohl auf der vermeintlichen Vorder- als auch Rückseite ein jeweils unterschiedlich gestaltetes Cover, auf dem jeweils der Titel »Buch-Gestalten im Exil« zu lesen ist. Der Titel wird auf der einen Seite durch den Zusatz »Helmut Salden«, auf der anderen Seite durch den Zusatz »Konrad Merz« ergänzt. Beim ersten Durchblättern fällt eine zweite Besonderheit auf. Das Buch setzt sich aus vier Teilen zusammen – »Helmut Salden: Kriegsberichte«, «Konrad Merz: Die schwankende Zeit«, »Helmut Salden. Die frühen Jahre« und Abbildungen –, wobei die Textteile in drei verschiedenen Leserichtungen arrangiert sind. Im Mittelteil werden auf 29 Seiten farbige Abbildungen von Helmut Saldens Werken, überwiegend Einband- und Umschlaggestaltungen sowie Skizzen, gezeigt. So gibt aufgrund der gestalterischen Anordnung weder das Cover noch der Inhalt einen Lektürestartpunkt vor. Ob man das Buch linear oder den einzelnen Textteilen folgend liest, ist dem Rezipienten überlassen. Diesen Ansatz nutzte ich als Ausgangspunkt zur Gestaltung meines eBooks.

»Buch-Gestalten im Exil« - die digitale Adaption für das iPad von Marcel Kather basiert auf einem hybriden Ansatz.

Das eBook basiert auf Web-Technologien. Mittels Phonegap ist es möglich die App für verschiedene Plattformen auszugeben.

Von analog zu digital

Um die Rahmenbedingungen überschaubar zu halten, entschied ich mich dafür, meine Buch-App für das iPad von Apple zu entwickeln. Für die Umsetzung wählte ich einen hybriden Ansatz. Ein Großteil der App wird mit Web-Technologien realisiert, der in Phonegap (eine Art Brücke) eingebunden wird, um so gleichzeitig auch auf Funktionen der Hardware zugreifen zu können. Die Bewegung innerhalb des eBooks erfolgt nicht, wie es zurzeit in vielen Readern und Apps der Fall ist, durch Blättern von virtuellen Seiten, sondern durch Scrollen. Die Simulation von Buchseiten in digitalen Büchern ist meines Erachtens nach ein Faktor, der weniger eine Orientierungshilfe darstellt, als den Lesefluss unnötig unterbricht.

Die digitale Ausgabe von Buch-Gestalten im Exil bietet dem Leser die Möglichkeit auf verschiedenen Ebenen zu lesen. Dazu habe ich die Textteile samt ihrer Unterkapitel zeitgeschichtlich und topografisch strukturiert. Die drei Textteile sind jeweils um 90 Grad im Uhrzeigersinn gedreht. Um sie zu lesen, muss der Leser das iPad in die entsprechende Position bringen. Ihm ist aber auch die Möglichkeit gegeben, die ›eingeschobenen‹ Texte zu überspringen und einen Textteil nach dem anderen zu lesen, indem er einfach weiter scrollt oder Verlinkungen zu sich anschließenden Kapiteln nutzt. Neben den unterschiedlichen Textausrichtungen, wird die Orientierung im Gesamttext durch die unterschiedliche Farbgebung der Textteile unterstützt.

»Buch-Gestalten im Exil« - der Leser entscheidet wann er welchen Text liest.

Die vier verschiedenen Texte sind in unterschiedlichen Leserichtungen arrangiert. Der Leser bestimmt in welcher Reihenfolge er die Texte liest.

»Buch-Gestalten im Exil« – eine interaktive Karte als Navigation.

Als Navigation dient eine interaktive Karte, die alle Aufenthaltsorte von Helmut Salden verzeichnet.

An den Seiten des Bildschirmrandes ragen auf der linken Seite ›Zettel‹ herein, die Zusatzinformationen zu Personen und Orten enthalten. Auf der rechten Seite ragen Abbildungen herein. Um sie zu öffnen, klickt man sie an oder zieht sie zur Mitte des Bildschirms.
Einen weiteren Mehrwert der digitalen Textversion stellen die zusätzlichen Abbildungen zu den Werken von Helmut Salden und weitere Aufnahmen von Skizzen, die Salden während seiner Gefangenschaft angefertigt hat, dar. Die Abbildungen werden in einzelnen Galerien über den Text verteilt dargestellt und können durch Zoomen im Detail angesehen werden.
Anmerkungen, die im Gedruckten meist als Fußnoten und/oder am Ende eines Kapitels oder Buches dargestellt werden, habe ich direkt an der entsprechenden Stelle im Text eingebunden. Hält der Leser einen Finger auf die Anmerkung, kenntlich gemacht durch eine Nummer, so erscheint die zugehörige Information direkt über seinem Finger. Am Ende des Buches gibt es zudem eine Übersicht aller Anmerkungen. Diese sind verlinkt, sodass der Leser direkt an die entsprechende Textstelle gelangt.

Einen deutlichen Mehrwert zur Print-Ausgabe bieten die vielen Zusatzinformationen der digitalen Ausgabe.

Einen deutlichen Mehrwert zur Print-Ausgabe bieten die vielen Zusatzinformationen, die dem Leser das politische, gesellschaftliche und kulturelle Leben zur Zeit Helmut Saldens nahebringen.

Vollformatige Bildergalerien mit Arbeiten von Helmut Salden

Vollformatige Bildergalerien geben einen Einblick in das künstlerische Werk von Helmut Salden

Als Schriften kommen TheSans und TheSerif, aus der Schriftsippe Thesis des niederländischen Schriftgestalters und Typografen Lucas de Groot, zum Einsatz. Die beiden Schriften bestehen jeweils aus 48 Schnitten, besitzen viele Ligaturen sowie Sonder- und Schmuckzeichen. Die Thesis ist sehr geeignet für die Darstellung am Bildschirm, da sie keine fragilen Formen, dafür große Zwischenräume und ein gutes Hinting besitzt.

Die Veröffentlichung des eBooks im Appstore von Apple ist für die nahe Zukunft anvisiert.

Ein Beitrag von Marcel Kather vom o1. Mai 2016

Marcel Kather studiert derzeit im Graduate-Programm Heterotopia der Folkwang Universität der Künste. Thematisch bewegen sich seine Arbeiten im Bereich des digitalen Publizierens, wodurch sich auch die Wahl des Studios 02 – Analoges und digitales Publizieren als Studienschwerpunkt ergibt.