Interview mit
Ralf de Jong

Was ich meine, wenn ich von Typografie spreche

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Ralf de Jong ist seit 2007 Professor für Typografie und Buchgestaltung an der Folkwang Universität der Künste in Essen. Die typografische Gestaltung in analogen und digitalen Medien liegt ihm am Herzen. Doch welchen Ursprung hat die Faszination für das typografische Handwerk und welchen Stellenwert hat es in der Ausbildung eines Kommunikationsdesigners an der Folkwang UdK? Auf diese und noch weitere Fragen gibt es an dieser Stelle (endlich) Antworten – als Text und für die weniger Lesebegeisterten als Videointerview am Ende der Seite.

Ein glasklarer, verträumter Wintermorgen. Die Sonne blinzelt verstohlen durch die Fenster von deJong Typografie in Essen. Wir schauen uns um. Die Leidenschaft für Typografie und Buchgestaltung zieht sich nicht nur durch Ralf de Jongs Leben. Bis unter die Decke (und wir sprechen hier von hohen Räumen) reichen die Bücherregale, dicht bestückt mit antiquarischen Büchern, Designklassikern und vielen eigenen Arbeiten. Moritz Rosenkaimer und Nora Prinz, beide Studierende im Studiengang Kommunikationsdesign, führen das Interview.

Wie bist du zur Typografie gekommen?
Ich habe an der Kunsthochschule Kassel studiert. Dort gab es damals kein strukturiertes Studienprogramm. Der Professor für Typografie hat mir als einziger eingeleuchtet. Es war also ein Mangel an Alternativen: Alles andere hat mich nicht interessiert.

Warum hat der eingeleuchtet?
Weil er eine Persönlichkeit war. Weil er völlig schräg war. Weil ich ungefähr alles falsch fand, was er sagte. Und das war interessant.

Du bist sehr jung Professor geworden.
Plan oder Zufall?

Beides. Ich wollte schon an die Hochschule, aber nicht unbedingt so früh. Ich hatte dann aber früh eine Familie und Kinder. Meine Frau war noch im Studium und die Arbeit an der Uni gab mir viel Freiheit. Ich wollte Zeit haben um in die Archive zu gehen, Bücher zu lesen, Bibliotheken zu besuchen. Wenn man nur mit einem Büro am Markt ist, dann ist man eben gehetzt und getrieben. Die Hochschule gibt einem, was das angeht, fantastische Freiheiten.

Was kann man bei dir lernen?
Bei mir lernt man klassische typografische Gestaltung, das typografische Handwerk. Wir hinterfragen die Übertragbarkeit tradierter Regeln auf die neuen Medien. Da hilft uns der Blick zurück: Welche Folgen haben mediale Wechsel in der Vergangenheit für die Gestaltung gehabt?
Dahinter steht natürlich immer die Frage, wie textgebundene Inhalte präsentiert werden und lebendig bleiben. Neben dem Handwerk lernt man bei mir, Geschichten zu erzählen.

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Was verstehst du unter gutem Kommunikationsdesign?
Ich fühle mich eher als Typograf und weniger als Kommunikationsdesigner. Typografie ist ein Teil des Kommunikationsdesigns, aber mit dem »Design« habe Schwierigkeiten. Der Typograf möchte unsichtbar bleiben. Er will den Inhalten zu einem Publikum verhelfen. Der Kommunikationsdesigner hingegen tritt sehr viel stärker in den Vordergrund mit seinen gestalterischen Ideen. Das finde ich interessant und nachvollziehbar – ich selbst kann mich dafür jedoch nicht begeistern. Ich sehe mich als dienender Typograf, der Texte lesbar und somit die Meinung des Autors sichtbar macht.

Warum sollte ich an der Folkwang UdK Kommunikationsdesign studieren?
Ich finde, wir haben einen fantastischen Fachbereich mit vielen Kollegen, die sehr unterschiedliche Standpunkte vertreten. Nichts ist schlimmer als eine Hochschule, die ein geschlossenes Bild vermitteln möchte. Das bringt der Hochschule zwar ein Image, den Studierenden nutzt es aber gar nichts. Studierende können bei uns viele verschiedene Positionen kennenlernen, sich darin ausprobieren und sehr frei agieren. Das mag ich.

Was erwartest du von den Bewerbern?
Mir ist wichtig, dass ein visuelles Vorstellungsvermögen und eine visuelle Neugier sichtbar werden. Das Darstellungsvermögen tritt dahinter ein wenig zurück. Eigentlich möchte ich Studierende finden, die mich für sich interessieren können. Wir arbeiten mit denen ja drei oder fünf Jahre lang sehr eng zusammen. Und wenn diese Menschen mich auf gar keiner Ebene ansprechen, dann wird es für alle echt langweilig.

Dir eilt ja der Ruf voraus ein schwieriger Professor zu sein. Warum ist das so?
Ich interessiere mich für Dinge. Und ich interessiere mich nicht für Leute, die sich nicht für Dinge interessieren. Tatsächlich ist es mir relativ gleichgültig, wie die Studierenden mich finden. Deswegen unternehme ich auch nichts dagegen, wenn mich jemand fies findet. Im Gegenteil: ich versuche das eher noch ein wenig zu befördern. Zu viel Vertraulichkeit bringt nichts. Ich will, dass gearbeitet wird, dass da etwas passiert.

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Was gibt dir die Arbeit mit den Studierenden?
Meine großer Abstand zu popkulturellen Themen ist echt. Ich schaue kein Fernsehen, lese keine Magazine und versuche, mich medial ein Stück weit abzuschotten. Aber so eine kleine Realitätsinfusion ab und an ist ganz gut. Denn die Studierenden kommen natürlich mit neuen Ideen. Deshalb finde ich es spannend, wenn sie meine Meinung ablehnen. Dann tun sie das Gegenteil von dem, was ich ihnen sage. Häufig sind die Ergebnisse interessant, manchmal ist es auch einfach nur schlecht. Dann gibt die Arbeit mir gar nichts – ausser einem Anlass für meinen heiligen Zorn. Aber manchmal denke ich: »Wow! Das ist komplett anders und ich finde es gut.« Und das ist schön.

Hörst du dich gerne reden?
Hörst du die Studierenden gerne reden?

In den Grundlagen höre ich mich gerne reden. Das ist häufig das Erfrischendste am ganzen Tag. In den fortgeschrittenen Projekten höre ich lieber den Studierenden zu. Da ärgere ich mich immer, wenn zu wenig geredet wird. Denn da wird das Zuhören interessant. Wir haben beruflich auch sehr viel mit Leuten zu tun, die ich wahnsinnig toll finde. Da gibt es ganze Abende, da sitze ich nur da und höre zu. Es ist also situativ.

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Bis du beruflich angekommen oder hast du noch Ziele für die Zukunft?
Ich habe noch fantastische Ziele vor mir. Ich möchte die Anfänge des Berufsbildes des modernen Typografen erkunden. Da bin ich am recherchieren. Und als Gestalter möchte ich weiterkommen. Es ist ja nicht so, dass man, nur weil man nicht modisch gestaltet, fertig ist. Ich habe eigentlich immer das Gefühl, dass die Sachen in Bewegung sind. Dass ich besser werden muss, dass die Studierenden besser werden müssen, dass wir alle besser werden müssen. Ich sehe ganz selten alte Arbeiten an und denke:»Oh, wie toll!« Ich denke eigentlich immer, das müsste man heute anders machen. Ich will es immer anders machen.

Unser Eindruck ist, dass es für dich nur Typografie gibt. Oder hast du noch andere Leidenschaften in der Freizeit bzw. hast du Freizeit?
Nein, ganz im Gegenteil Typografie ist meine Freizeit. Insofern habe ich keine Arbeit. Ich glaube ihr stellt die Frage falsch. Ich habe keine Arbeitszeiten …

Was arbeitest du eigentlich?
Ich habe nur Spaß und spiele …
Ein Beitrag von Christin Heinze vom 24. November 2015