Reclams Sachlexikon des Buches

Überarbeitete und erweiterte Neuausgabe 2015

Sachlexikon des Buches

Reclams Sachlexikon des Buches (in der Ausgabe von 2003) begleitet mich seit einem knappen Jahrzehnt. Jetzt ist es von Alter und Abrieb gezeichnet, von Kaffee und Tee verfleckt: Zeit für einen Neuanfang. Gerade zur rechten Zeit ist nun die vollständig überarbeitete und aktualisierte Ausgabe erschienen. Grund genug, zwei gleichermaßen drängende Fragen zu beantworten: Was eigentlich ist ein Sachlexikon? Und: Wie schneidet dieses hier ab im Vergleich mit wikipedia.de oder typolexikon.de?

Das Sachlexikon [Reclams Sachlexikon des Buches. Hrsg. von Ursula Rautenberg. 3. vollst. überarbeitete und aktualisierte Ausgabe. Philipp Reclam jun.: Stuttgart 2015; € 22,95] selbst hält sich bei der Antwort auf die erste Frage vornehm zurück und verweist auf den Eintrag »Realenzyklopädie« (ein Wort mit einfachem Buchstabenwert von stolzen 41 Scrabble-Punkten!): »Enzyklopädie, die alphabetisch oder systematisch geordnete Sachbegriffe (›Realien‹) enthält.« Dem Verweis auf die »Enzyklopädie« folgend finde ich überraschend eine Teilantwort auf die zweite Frage: »Die über Spenden finanzierte Wikipedia wird nach dem Prinzip des kollaborativen Schreibens von vielen Autoren ohne Inanspruchnahme persönlicher Urheberrechte betrieben. […] Im Mai 2014 umfasste die dt. Wikipedia 1.719.510 Artikel. Nach anfänglicher Skepsis hat sie sich […] auch im wissenschaftlichen Gebrauch bewährt.«

Reclams Sachlexikon des Buches in den Ausgaben 2003 und 2015

Vergleich des kleineren Hardcovers (2003) mit der neuen Broschur (2015)

Fachwissen analog oder digital?

Das Sachlexikon möchte scheinbar seiner eigenen Abschaffung nicht im Wege stehen. Doch ich will es genauer wissen. Anhand von einigen wenigen (statistisch natürlich irrelevanten und keineswegs repräsentativen) Suchbegriffen lasse ich Sachlexikon und Wikipedia gegeneinander antreten: Während Wikipedia stets die größere Textmenge bietet, zeichnet sich das Sachlexikon aus durch eine höhere Informationsdichte. Wikipedia erfreut durch reiches Bildmaterial, das Sachlexikon gibt sich spröde, aber konzentriert und präzise bei den wenigen vorhanden Grafiken und Bildbeispielen. Das Typolexikon, dies sei nur kurz erwähnt, ist wegen seiner Spezialisierung auf typografische Fachbegriffe (und einer vergleichsweise geringen Anzahl von Stichworten) ausgeschieden. Obwohl das Sachlexikon ausdrücklich »Grundlagenwissen von der Handschrift bis zum elektronischen Buch« verspricht, findet sich unter 1480 Einträgen keiner zu »Cascading Style Sheets« (css), einem meiner Suchbegriffe.

Vorläufiges Fazit: Wenig überraschend hat Wikipedia bei digitalen Themen die Nase vorn, während das Sachlexikon durchweg präziser formuliert und besser lesbar ist. Das liegt nicht nur an der Kürze der einzelnen Texte (das Sachlexikon umfasst immerhin 480 Seiten), sondern vor allem an seiner Ausrichtung auf das Buch- und Verlagswesen. Zahlreiche Verweise erleichtern die Erschließung des Inhalts (und sind auch nicht schlechter als Hyperlinks). Das Sachlexikon mit seiner namentlichen Kennzeichnung aller Artikel ermöglicht die Zuordnung zu einem der 19 Autoren mit unterschiedlichen Fachrichtungen und Qualifikationen. Auch das Literaturverzeichnis (33 Seiten!) hilft enorm bei der Suche nach weiterführenden Informationen. Aber das beste ist, dass das Sachlexikon trotz des unzuverlässigen w-lan-Netzes in meinem Büro niemals offline geht und kein zusätzliches Fenster auf meinem Monitor benötigt. (Gerade jetzt blicke ich auf sieben offene Programmfenster.) Als ebook könnte das Sachlexikon allerdings noch einmal eine deutliche Aufwertung erfahren!

Reclams Sachlexikon des Buches in den Ausgaben 2003 und 2015

Vorher — Nachher

Um es vorweg zu nehmen: Eine Schönheit war schon die erste Ausgabe nicht. Das (Re-)Design der Reclam Bibliothek und der Reclam Universalbibliothek [Friedrich Forssman 2008 bzw. 2010] hat auf diesen Titel nicht abgefärbt. Format und Schriftgröße sind (wenn auch nicht im gleichen Maße) gewachsen. Das Hardcover wurde zur (ebenfalls klebegebundenen) Klappenbroschur. (Wir Leser, glauben die Verlage, finden Klappenbroschuren besonders hübsch und wertig. Stimmt aber gar nicht!) Das Aufschlagverhalten hat sich verbessert, der (zweispaltige) Blocksatz hat in der Wertung um vier Stufen von »dramatisch mies« auf »ziemlich schlecht« zulegen können. Die Schriftgrößenanpassung hält zumindest mit meinem abnehmenden Sehvermögen Schritt. Über die volle Seite gesetzte Textzeilen mit bis zu 85 Anschlägen (ohne Anpassung des Zeilenabstands!), die durchgehende Verwendung von Versalziffern für den Tabellensatz und das entschlossene Bekenntnis zum Verzicht auf sinnvolle typografische Textdifferenzierungen bleiben ein Geheimnis des Verlages.

Buchwissen für Buchgestalter

Jedes Handlexikon weist Lücken auf (siehe css) und nicht jedes Spezialgebiet kann in allen Verästelungen dargestellt werden. Wer diese grundsätzliche Einschränkung akzeptieren kann, der bekommt hier das unverzichtbare Basiswissen zum Buchwesen lesbar, knapp und komplett dargeboten. Am Buch interessierte Gestalter(innen) finden Informationen, die ihre Professorinnen und Professoren an den Kunsthochschulen nicht vermitteln können oder wollen. Gestaltung am Buch ist immer auch Gestaltung in der Buchbranche – mit eigenen Regeln, Zwängen und eigener Terminologie.

Ursula Rautenberg ist Professorin an der Universität Erlangen-Nürnberg und hat dort das Institut für Buchwissenschaft aufgebaut. Tatsächlich ist diese führende Vertreterin ihres Fachs ein Kind des Ruhrgebiets: geboren in Oberhausen, studiert, promoviert und habilitiert in Bochum. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählt der frühe Buchdruck (Buchgestaltung, Typografie und Lesen). Ihr Zugang zum Buch und zu seiner Typografie zeichnet sich aus durch eine besondere Liebe zum physischen Objekt und ein tiefes Verständnis seiner ästhetischen Qualitäten. Rautenberg hat mehrere Übersichtswerke vorgelegt, in Vorbereitung ist das von ihr (zus. mit Ute Schneider) herausgegebene Standardwerk Lesen. Ein Handbuch. Dazu später mehr!
Ein Beitrag von Ralf de Jong
vom 28. Oktober 2015