Schrift schreiben.

Mit der Hand

Der Verzicht auf die klassische Feder und das Tuschfass ermöglicht schnellere Ergebnisse: Dank dem Pilot Parallel Pen

Der Verzicht auf die klassische Feder und das Tuschfass ermöglicht schnellere Ergebnisse: Dank dem Pilot Parallel Pen

Siebenhundert Druck- und Berührungsrezeptoren an jeder unserer Fingerspitzen fordern ihr Recht: Zusammen 7000 gute Gründe, verteilt auf die zehn Finger beider Hände, für handwerkliche Tätigkeiten! Die Liebe (insbesondere aber die Liebe zur Schrift) öffnet hier ein weites Betätigungsfeld.

Die Wiederbelebung der Schreibkunst im frühen 20. Jahrhundert geht aus von Edward Johnston (1872–1944). Er schreibt 1906 im Vorwort zu seinem Buch Writing & Illuminating, & Lettering [John Hogg: London 1906. Dt. Ausgabe: Schreibschrift, Zierschrift & angewandte Schrift. Aus dem Englischen von Anna Simons. Leipzig: Klickhard & Biermann 1910]: »Obgleich die Nachfrage nach guten Arbeiten augenblicklich gering ist, so muss doch das Hervorbringen guter Werke unvermeidlich eine Nachfrage schaffen«. Diese Aufgabe ist, so Johnston, auf dem Gebiet des Schriftschreibens »ziemlich einfach – schöne Buchstaben zu machen und sie gefällig anzuordnen. Um schöne Buchstaben zu machen, ist es nicht nötig, sie von neuem zu entwerfen […], sondern es heißt, die besten Buchstaben, die wir finden können, zum Vorbild zu nehmen«. Also los, inzwischen sollte die Nachfrage nach »guten Arbeiten« ja angezogen sein!

Edward Johnston: Schreibschrift, Zierschrift & angewandte Schrift. Aus dem Englischen von Anna Simons. Leipzig: Klickhard & Biermann 1910

Edward Johnston: Schreibschrift, Zierschrift & angewandte Schrift. Aus dem Englischen von Anna Simons. Leipzig: Klickhard & Biermann 1910

Schrift lernen und lehren

Bis 2007 lehrt an der Folkwang UdK (damals Universität Duisburg-Essen) mit Volker Küster ein begnadeter Kalligraf, Schriftgestalter und Buchkünstler, der als gelernter Schriftsetzer alle manuellen Techniken der Schriftgestaltung in seiner Person vereint. Er macht Göthes Forderung wahr (zitiert nach dem Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm): »wer sich einer strengen kunst ergibt, musz sich ihr fürs leben widmen […]; die bekenner sollten mit der hand wirken, und die hand, soll sie das, so musz ein eigenes leben sie beseelen.«

Im Hier und Jetzt der Ausbildung an der Folkwang UdK ist die Schreibkunst weniger Kunst aus eigenem Recht als Mittel zum Zweck. Und der Zweck ist ein tieferes Verständnis für unsere Zeichenformen, das auf der Kenntnis der Schreibwerkzeuge (und insbesondere der Wechselzugfeder) beruht. Ich selbst habe während meines Grundlagenjahrs an der Königlichen Akademie in Den Haag zum ersten Mal eine Schreibfeder in Händen gehalten. Seitdem hat mich die Liebe zur Schrift, auch der handgeschriebenen Schrift, nicht mehr losgelassen. Zusammen mit den Studierenden schreibe ich die humanistische Minuskel und die humanistische Kursive mit dem Ziel, Strichstärkenunterschiede, Modulationen der Bogenführung und Proportionen des Minuskelalphabets der aufrechten wie der kursiven Schrift zu verstehen.

Warum schreiben?

Natürlich veredelt die Beherrschung einer formalisierten Schreibschrift auch unsere Alltagsschrift. Sie ist der direkteste und schnellste Weg, Ideen, Zusammengänge und Gedankengänge schriftlich zu visualisieren, zu ordnen und zu fixieren: Stift und Papier helfen mir, mich selbst zu sortieren. Dazu muss ein Blatt nicht unbedingt kalligraphischen Qualitäten haben, es sollte aber so schön sein, dass ich es anschauen mag. Und das ist längst nicht mehr selbstverständlich angesichts der in unseren Grundschulen vermittelten »vereinfachten Ausgangsschrift« und der »Grundschrift«. Ohne die pädagogischen Fragen dahinter zu kennen ist offenkundig: Wenn das die Antwort sein soll, dann wurde die Frage falsch gestellt! In einem Workshop über 15 Stunden haben wir versucht, der manuellen Intelligenz der schreibenden Hand den ihr zukommenden Raum zu gewähren …
Ein Beitrag von Ralf de Jong
vom 29. Oktober 2015

Kalligraphie_05
Kalligraphie_03
Kalligraphie_07

Humanistische_Minuskel.pdf
Humanistische_Kursive.pdf